HintergrundVerlag
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Rede zur Buchveröffentlichung "Flüchtige Wahrnehmung"  Martina Müller -Wagner
27.März 2014
Bayreuth Schloßturmsaal Literaturforum der keb

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Der Hauptimpuls, den ich bei Martina Müller Wagners Schreiben entdeckt habe, ist der Impuls, zur Unmittelbarkeit der Sprache vorzudringen, sich von klischeehaften Vorstellungen zu befreien, einen Stil zu kreieren, der unverkennbar echt ist.

Es gehört zu den Aufgaben dieses Stils, die eigene Ohnmacht zu respektieren, die Schwebe auszuhalten, von unredlichen Pseudo-Lösungen Abstand zu nehmen, einer aufgesetzten Originalität zu entsagen und willkürliche Verfremdung der Sprache um eines Effektes willen zu verschmähen. All diese Voraussetzungen erfüllt Martina Müller Wagner konsequent, entschlossen und eindeutig, denn sie hat es nicht nötig, mit Allerwelts-Formulierungen um sich zu werfen. Sie kann es sich leisten -und leistet es sich auch- in fragwürdigen Situationen den Atem anzuhalten und Dinge ungesagt zu lassen, für die das rechte Wort gerade nicht zu Gebote steht. In "Sinfonie in zwei Sätzen" schildert MMW die unerwartete Begegnung von Ruth mit ihrer ersten großen Liebe. Nach dem Vortrag eines Professors über die Vereinzelung der Menschen trifft sie Mathias an der Garderobe. "Jetzt nur nicht das Gewohnte tun. Die üblichen Handlungen vergessen. Zulassen, was geschieht!" Das sind die Imperative, die ihr -Ruth- durch den Kopf sausen. Später in Ruths Wohnung: Mathias hat sich eingefunden, eine sehr lebensnahe Liebesszene spielt sich ab, und danach denkt Ruth: "Wenn er jetzt nur nicht spricht! Keine banalen Sätze." So wird die Sprache gewürdigt. Das passende Wort muss gefunden werden. Der Verzicht auf Worte ist besser als irgendeine Verlegenheitslösung. Es geht darum, das Geschehene in der Schwebe zu halten und nicht plump werden zu lassen. Es geht darum, den Traum am Leben zu erhalten und nicht mit alltäglichen Gedanken zu verwässern. Exemplarisch für die Notwendigkeit, treffende Worte zu finden, ist der Text "Aufenthalt ohne Gewähr", ein "Drama", das sich aus Momenten des Unverstandenseins, des Unentschlossen-seins und der Resignation zusammensetzt. Seit Linus bei seinem Bruder Bodo wohnt, hat er ein Anliegen, einen Wunsch. Er möchte dem Bruder die Wahrheit über sein Leben, sein Scheitern kundtun.

Zitat 23: Linus hatte seinem Bruder ganz offen sagen wollen: "Ich bin am Ende. Ich weiß nicht weiter. Ich brauche dich." Aber gerade dieses Sprechen hatte sich als unmöglich erwiesen, weil Bodo immer sein eigenes Thema gehabt hatte oder gerade beschäftigt gewesen war. Zu einer wirklichen Aussprache kommt es nie. Linus fühlt sich einer Armee von gegnerischen Gedanken gegenüber. "Mach etwas aus deinem Leben. Verdien dein eigenes Geld. Hör endlich auf, anderen zur Last zu fallen. Wann wirst du endlich vernünftig?" Mit anderen Worten: "Sei ein Rädchen im Getriebe!" Doch Linus will kein Rädchen im Getriebe sein. Er will gehört und verstanden werden. Er will respektiert und nicht unter Druck gesetzt werden. Er wünscht sich eine offene, vorurteilsfreie Aufmerksamkeit. Und was geschieht?  Linus geht entschlossen zu Bodo hinüber. Er will endlich Klartext reden. Doch ehe er zu Worte kommt, fragt Bodo wie aus der Pistole geschossen "Hast du auch das Fenster zugemacht?" Er hat wieder sein eigenes Thema, er merkt nicht, dass sein Bruder etwas auf dem Herzen hat - oder will es nicht merken. "Ach ja, das mach’ ich gleich." antwortet Linus, läuft zurück in die Küche, schließt das Fenster und spürt die Lächerlichkeit und Resonanzlosigkeit seines Daseins. Als er zurückkehrt zu seinem Bruder, hat er die Kraft für ein ehrliches Gespräch, wie er es sich eben noch vorgenommen hatte, verloren. Er begibt sich zwar in die räumliche Nähe seines Bruders, aber der innere Abstand hat sich nicht verändert. Es findet sich fortan keine Lücke mehr, kein einziger freier Moment, in dem das Einfachste und Natürlichste geschehen könnte: sich selbst zur Sprache zu bringen.

Zitat Seite 25: Seltsam, dachte Linus, wir sitzen dicht voreinander, können uns sehen, berühren, aber erreichen uns nicht. Wie ergeht es einem Menschen wie Linus, der feststellen muss, dass er so, wie er ist, nicht ankommt, nicht angenommen wird, eigentlich stets ein Fremdkörper bleibt? MMW stellt die Konsequenzen menschlicher Selbstgerechtigkeit und Ignoranz, die Folgen der Intoleranz gegenüber Außenseitern klar heraus und beschönigt aber auch die Lethargie des Linus keineswegs:

Zitat 27: Linus fand keine Worte für sich, war sein eigener Gegner, wusste, dass seine Existenz nicht dem Normmaß allgemeiner Wertschätzung entsprach, also nicht geschützt, nicht erhalten werden sollte. Er gab sich auf. Eine großartige, psychologisch dichte und packend-knapp erzählte Geschichte. Eine andere Art von lückenloser Isolation findet sich in "Grundlose Erwartung".

Kramm ist ein Karrieremensch, ein gefragter Mann -also das Gegenteil von Linus-. Er geht auf Gesellschaften, hält Vorträge, schüttelt Hände. Sein Lächeln ist fest installiert. Aber man erfährt auch, dass er viel herum gelaufen ist, ohne Aufenthalt bei sich selbst. Ist Linus in seine eigene Innenwelt eingesperrt, so ist Kramm ausgesperrt und hat den Zugang zu sich selber verloren. Die Umarmung eines jungen Mädchens ist es, die ihn aus seiner fremdbestimmten, zweckorientierten Lebensweise herausreißt. Kramm eilt zu einem Empfang. Er sieht Mädchen, die über Pfützen hüpfen und fragt sich, ob es geregnet hat. Die Mädchen versperren ihm lachend den Weg, sich an den Händen haltend. Da löst sich eine aus der Kette, läuft auf ihn zu, breitet die Arme aus, umarmt ihn, tatsächlich ihn. Er hält still, und steht weiter still gerade, als die Mädchen sich von ihm entfernen.  MMW arbeitet diesen Moment sorgfältig und liebevoll heraus. Sie lässt den Leser spüren, dass der Funke vom Mädchen auf Kramm übergesprungen ist. In ihm entsteht Lust, selbst über Pfützen zu hüpfen. Er fragt sich "was suche ich hier?" bei der Eröffnung des nach Waschmittel und Gemüse riechenden Supermarkts. Er überdenkt sein Leben und zieht das Fazit: er hatte vergessen zu leben, über Pfützen zu springen, die Arme auszubreiten, fröhlich zu sein und den Geschäften den Rücken zu kehren. Das unbekümmerte Mädchen mit seiner ursprünglichen Bewegung hat den verschütteten Mittelpunkt von Karriere-Kramm berührt. Die Konsequenz teilt MMW nüchtern und sachlich mit: "In der Folgezeit lebt Kramm gegen die Regeln seines Standes." Er lehnt das obligatorische Glas Sekt ab, verlässt vorzeitig die Eröffnungsfeier, besucht eine ihn interessierende Ausstellung im Museum. Und so geht es weiter: Zitat Seite 59: "Kramm streift allmählich bisherige Gewohnheiten ab. Sein breites Dauerlächeln reduziert sich zu einem flüchtigen Zucken der Lippen. Er unterbricht dringende Erledigungen, um der Stimme Joe Cockers zu lauschen. Die Hektik der anderen steckt ihn nicht mehr an. Kramm ist immun geworden." Überzeugend gestaltet die Autorin die Verwandlung eines Menschen durch einen Menschen. Eine wunderbare Kontaktmetamorphose, schön und glaubwürdig. Stellen wir uns nun vor, Bodo hätte Linus auf eine ähnliche frisch- ermutigende Weise umarmt wie das Mädchen Kramm umarmte, oder seinem Bruder wenigstens gütig und geduldig zugehört. Was wäre da alles möglich gewesen!

"Es ist nicht wahr, dass ein Einzelner nichts vermag!"Dieser Satz steht am Anfang des Buches "Flüchtige Wahrnehmung" wie ein Motto. In der Erzählung "Nathan" baut MMW dieses Thema besonders gründlich und minutiös auf. Lisa, eine junge Frau, begibt sich auf den liebgewordenen Spaziergang zwischen Abendessen und Tagesschau. Sie begegnet, wie so oft, einem alten Mann, der mit seinem Hund seine abendliche Runde läuft. Bisher haben die beiden nie ein Wort miteinander gewechselt.

Zitat: Seite 128 "Lisa suchte kein Gespräch. Gerade weil sie nicht sprechen wollte, waren ihr diese Alleingänge so notwendig geworden." Doch diesmal fallen Worte. "Der Regen ...", sagt der alte Mann, "Nathan hat heute lange warten müssen." Lisa kommt nicht dazu, zu antworten, denn schon sind die beiden an ihr vorüber gegangen. Bei den künftigen Treffen zeigt sich eine Veränderung. Wenn Lisa fast auf gleicher Höhe mit Hund und Herrchen ist, stoppt Nathan und setzt sich auf die Mitte des Weges, als wolle er seinen Herrn auffordern anzuhalten. Hin und wieder werden spärlich Worte gewechselt. Zitat 129: "Sie leben allein mit dem Hund?" fragte Lisa einmal. "Manchmal kommt auch der Junge", gab der Mann zur Antwort. "Er ist ein guter Junge", sagte er später, "aber ich erreiche ihn nicht." Mit kargen Sätzen vermittelte er das Bild seines Enkels und die eigene Unzulänglichkeit, Angst und das Versagen - in früheren Zeiten und immer. Lisa spürte, dass es im Leben des alten Mannes einen verdeckten Bereich gab, der ihn belastete. (Zitat Ende) In diesem Moment beginnt in Lisa ein Gefühl der Verantwortung zu erwachen. Das Wissen um die innere Not des anderen verpflichtet. Sie, die auf den Spaziergängen ihre Ruhe haben wollte, wird sanft involviert, unwillkürlich in das Leben des alten Mannes hineingezogen. Sie hört genauer hin, wenn der Mann spricht und sammelt Informationen. Allmählich wird das eigentliche Thema deutlicher.  Zitat 130: Lisa lernte aus Bruchstücken. "Der Junge hat falsche Freunde. - Er kann mich nicht mehr hören.- Er verstopft sich die Ohren vor mir mit Musik." - Dann begreift Lisa, dass der alte Mann - sich schuldig fühlt. "Ich war feig wie die meisten. - Was vermag schon ein Einzelner? - Alle haben sich geduckt. - Es ist nicht wahr, dass wir nicht wussten, was geschah. - Wir haben weggesehen. - Ich weiß, dass ich geschwiegen habe." So wird es häufig sein: Wir müssen aus Bruchstücken lernen. Die Wahrheit wagt sich nur für Augenblicke hervor. Das Hauptthema klingt nur in Blitzmomenten auf. Wir müssen achtsam sein und offenherzig, sonst laufen, reden und blicken wir aneinander vorbei. Wir müssen ein Gespür dafür entwickeln, was den anderen bewegt, nichts forcieren, nichts verdrängen, sondern dabei bleiben.  Allerdings ist Wahrheit oft nicht das Bequeme, das leicht zu Handhabende, das Angenehme, sondern sie stellt sich häufig als komplexe Herausforderung dar, als diffizile Angelegenheit, als heikles Thema. Und nun? Wie geht es uns damit? Lisa reagiert normal. Sie geht dem Mann einige Zeit lang aus dem Weg. Ihr ist unbehaglich zumute, sie fühlt sich mit belastet. Sie hält sich da lieber raus.  Dann aber begegnet sie eines Tages dem Hund allein unter dem Brückenbogen. Sie folgt ihm, wird vor die Wohnung von Herrn Adam geführt -so heißt der Mann- erfährt durch dessen Nachbarin, dass der alte Herr im Krankenhaus liegt und dass sein Enkel den Hund füttert. Sie ergreift nun die Initiative und hat einige Hürden zu überwinden -die Empfindlichkeit des alten Mannes, die Aggression des Enkels, ihre eigene Wut und Verzweiflung- bis die Geschichte sich zum Guten wendet und sie den Satz "Es ist nicht wahr, dass ein Einzelner nichts vermag" aus tiefstem Herzen denken kann. Dieser Satz klingt in mir als Leser nach. Er macht mir Mut. Und wenn ich mich unverstanden, ausgenutzt oder abgelehnt fühle, alles für sinnlos halte, aufgeben möchte, meine eigene Ohnmacht empfinde, dann sind es diese Worte, die mich aufrütteln, zur Geduld mahnen, aus der Resignation reißen und anspornen, den Weg der Menschlichkeit konsequent weiter zu verfolgen. "Es ist nicht wahr, dass ein Einzelner nichts vermag!" Ich weiche dann keiner Pfütze mehr aus und spüre in mir das pulsierende Leben.

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