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28.11.2013 Dr. Judith Hafner, Bozen: Texte - Stationen meines Lebens Literaturforum Bayreuth

Judtih Hafner bei der kath. Erwachsenenbildung

Einführung

Wie wir Leben neu gestalten, ist in diesem Denkmodell leider Gottes nicht enthalten.

(Judith Hafner, "Bitte wenden!")

Das ist Gesellschaftskritik. Und das heißt: Schluss mit dem sanften Ruhekissen und der bequemen Heile-Welt-Matratze. Jetzt wird genau hingeschaut, jetzt wird tachless gesprochen. Jetzt geht es nicht mehr so weiter, dass jeder darauf wartet, dass ein anderer anfängt, das Richtige zu tun. Das Gedicht "Bitte wenden!", das Sie in Kürze hören werden, erteilt einen Impuls: nämlich, die Kraft, die in unserem Herzen schlummert oder dämmert oder in Ketten liegt, weggesperrt ist, zu befreien.

(Wir rennen anstatt zu verweilen und einander zu erkennen; - wir haben das Interesse aneinander weitgehend verloren. Wir trauen uns selbst und anderen nicht wirklich etwas Neues zu. - Spüren sind wir nicht gewohnt. Uns verbindet, was sich lohnt; - es muss etwas dabei heraus springen, wir blockieren uns durch Nützlichkeitserwägungen, durch die Frage nach der Wirtschaftlichkeit des Neuen, obwohl es darauf ankäme, zu spüren, ob das Neue wesentlich ist und uns berührt - dieses Neue wird nicht starten, wenn wir aufeinander warten - das ewige Zögern, Rechnen, Aufschieben, Kalkulieren, Bedenken anmelden nimmt uns den Schwung und die spontane Kraft, richtig, menschlich, liebevoll zu handeln - diese Kraft in unserm Herzen halten wir noch auf Distanz - die rührt sich zwar in uns, doch unterdrücken wir sie) - Das sind Aussagen im Text, die ein nachhaltiges Rütteln und Rumoren verursachen.

Als ich in München Ottobrunn am Weltkongress des Grundeinkommens teilnahm und am Ende hörte, nun wolle eine Dame aus Bozen noch ein Gedicht zu diesem Thema vortragen lächelte ich mitleidig, das sag ich ganz ehrlich. So ein programmatisches Gesicht zu einem so wirtschaftlich trockenen Thema - was sollte da zu dichten sein? Ich erwartete eine willkürlich, zum Thema hingebogene, von ein paar sentimentalen Argumenten getragene Darstellung. Doch dann kam der Text. Er erreichte mich, er schlug mir mein inneres Pamphlet aus den Händen, er sprühte, er pulsierte, er erwies sich als eine beherzte, lebendige Daseinsmitteilung. Ich wollte diesen Text haben.

Am Ende war es nicht nur dieser Text, sondern eine ganze Reihe von Gedichten, die den Weg zu mir fanden. Davon werden Sie heute einiges anhören können. Doch ich bin mit dem ersten Zitat noch nicht ganz fertig, denn was Judith da schreibt, wird von Johannes Stüttgen in wesentlich schärferer Form ausgedrückt. Beide Formulierungen, die milde Darstellung von Frau Hafner wie die radikale von Herrn Stüttgen ergänzen sich.

"Nicht weil wir nicht mehr glauben können und uns deswegen der Rückgriff auf Gott verwehrt bleibt, sind wir verloren, sondern weil wir unser Kapital verraten -das nicht etwa das Geld ist!- sondern das reine lautere Denken, die Reinigung und Klarstellung der Begriffe! Wir verraten es -und damit uns selbst- für einen Judaslohn!" (Johannes Stüttgen)

Wir tun, als hätten wir kein Innenleben. Wir funktionieren, lassen uns fremdbestimmen , unterdrücken unsere innere Wahrheit, als sei es gottgewollt, unsere Stimme zu verschweigen, unsere Talente zu vergraben, unser Licht unter den Scheffel zu stellen! Wir passen uns an das Übliche an, wir folgen vorgegebenen Modellen, ausgetretenen Pfaden und berufen uns auf altbackene Redensarten, auch wenn sie noch so überholt, freudlos und ohne Überzeugungskraft sind. Warum geschieht das?

"Wie wir Leben neu gestalten, ist in diesem Denkmodell leides Gottes nicht enthalten."

Wir sind nicht so erzogen worden, haben es nicht gelernt, Überholtes loszulassen. Die muffige Sicherheit ist uns lieber als scharfe, schneidende Luftzug des Risikos, des Wagnisses- wir sind nicht bereit, alles auf eine Karte zu setzen. Das aber wäre notwendig! Und zwar mit vereinter Kraft! (Und nicht so, dass jeder zum Bremsklotz des anderen wird!

Ein zweites Zitat bezieht sich auf unseren Stress, unsere Überanstrengung, die uns weitgehend gefangen nimmt und immer freudloser werden lässt. Wir wollen alles supergenau und extra gut machen, das gilt für die meisten von uns. Doch denken wir dabei zu stark an das, was die anderen denken, erwarten, wir bleiben im Rahmen des Sicherheitsdenkens und wie wir in ihren Augen ausschauen mögen. In "Mann trifft Frau" heißt es:

Mit ein paar gekonnten Blicken will er sie schon mal entzücken. So subtil strengt er sich an, dass er gar nicht lächeln kann. (Judith Hafner, "Frühling"; "Mann und Frau", S. 35-37)

Inder Tat, das Lächeln ist häufig angestrengt, aufgesetzt, künstlich, es fehlt die echte Wärme, die frische Unbefangenheit, es ist ein Lächeln, wie es im Knigge steht. Man ist freundlich, weil es sich so gehört, weil es erwartet wird, weil man keinen schlechten Eindruck hinterlassen will - immer geht uns die Außenwelt durch den Kopf, immer wieder ist dieses Vermeiden mit im Spiel, das Vermeiden von Auseinandersetzung. "Mit ein paar gekonnten Blicken", das heißt, er zieht hier eine Masche ab, er inszeniert sein Dasein. An die Stelle einer unbefangenen, heiteren Präsenz tritt das kalkulierte Verhalten. Und dabei bleibt es kalt und die Unnahbarkeit ist schier unaufbrechbar.

Von der Selbstverleugnung in Zitat 1 zu der künstlichen, auf Effekt bedachten Inszenierung des eigenen Auftritts in Zitat 2 gibt es eine klar erkennbare Brücke. Ist es aber wünschens-wert, so zu sein, wie man denkt, dass die anderen es wollen?

Und nun kommt mein drittes Zitat, es stammt aus dem Text "Liebesbrief", besteht aus ganzen sechs Worten und ist doch wie ein wunderbares Manifest für dem Freiheit suchenden Menschen. Was ich jetzt sage, ist eine von vielen Wahrheiten. Ich erwähne das schon mal, weil die Begeisterung mit mir durchgehen könnte. Der Satz, der plötzlich in der Mitte, im Kern des Liebesgedichts geradezu unerwartet auftaucht -und der mich als Leser nicht nur berührt, sondern sogleich in eine Verwandlung miteinbezogen hat, lautet:

Was ich schreibe, sieht mich an. (Judith Hafner, "Liebesbrief"; "Briefe", Seite 15-17)

Was ich schreibe, sieht mich an - ist das der Grund, weshalb viele Menschen das Schreiben umgehen, nach Ausreden suchen, weshalb sie nicht schreiben könnten: Weil sie Angst haben vor diesem Moment, in dem das Geschriebene sie anschaut? Weil sie da einer peinlichen oder unbequemen oder radikalen unverfälschten Wahrheit ins Auge schauen müssten, oder um im Bild zu bleiben, weil sie diesen Blick nicht ertragen könnten, den das Geschriebene auf sie zurückwirft?

Hier kommt das Tiefe und Seltene des Menschseins zum Ausdruck. Hier fließt Energie. Ich habe mir diesen Satz viele Male angeschaut und mich von ihm anschauen lassen. Vor allem aber habe ich bemerkt, wie das ist, wenn meine eigenen, selbst geschriebenen Worte mich anschauen. Das ist nicht immer heile Welt, abgeklärte Ruhe, sonnenklare Einsicht, tiefes Verständnis, sondern da sehe ich oft Wirrsal, Ohnmacht, Ratlosigkeit, Unbeholfenheit, ich schäme mich für das, was da geschrieben steht und weiß, ich kann und muss es besser machen. Ich werde keinen Frieden finden, bevor ich nicht die richtigen Worte gefunden habe. Das ist ein Wissen, das ist eine Errfahrung, die mir der Satz "Was ich schreibe, sieht mich an" zu Bewusstsein gebracht hat. Dafür danke ich der Judith und ihrem Satz und bitte sie nun, das Wort zu übernehmen.

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