HintergrundVerlag
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Branksteins Erinnerung oder: Mit der reinen Energie dieses Augenblicks könnte ich Bücher füllen.

Dem sinnlichen Erleben steht das Kontra der Gewohnheit gegenüber. Griffbereite Phrasen und Worte, die schnell zur Hand sind, bequeme Sätze, die im Kopf wie am Fließband produziert werden, ohne einen echten Kontakt zum Erleben zu besitzen, stellen eine Versuchung dar, die Verführung nämlich, sich mit dem Nichtssagenden zufrieden zu geben. “Die Gefahr, den an nichts Vorheriges erinnernden Augenblick zu nivellieren und in den Haushalt allgemeiner Erfahrungen einzuordnen” wird ihm bewusst. Das Originalerlebnis kann verdeckt werden durch pauschale Begriffe und klischeehafte Formeln, die nichts vom konkreten Eigenleben der Situation darstellen oder enthalten. “Die falschen Worte wurden mir zur Gefahr”, stellt Brankstein fest. Er spürt den Kontrast zwischen der lebendig sprühenden Gegenwart und seinen abgegriffenen Redensarten, seinen automatisierten Denkvorgängen. Er sehnt sich nach einem Satz, der nicht nur als beliebige Kombination von Buchstaben erscheint, sondern der den Eindruck einer kostbaren, einzigartigen Blüte hinterlässt. Max Born, sein Freund, spricht einen Satz, der ihm das Gefühl vermittelt, die Luft sei voller Wörter und mit der reinen Energie dieses Augenblicks könne er Bücher füllen.

Elenas Tanz oder: Wie kommt es nur, dass ich so unersättlich bin

Die täglichen Menschenerlebnisse sind die tiefsten, wenn man sich von der Gewohnheit befreit. (Robert Musil)

Während grundsätzliche Ausnahmesituationen im “Geheimnis” einer sprachlichen Meisterung entgegen geführt werden, befindet sich “Elenas Tanz” näher am Alltag. Ein Tag, der mit Gebäudereinigung verbracht wird, eine Fahrt mit der Metro, ein normaler Kirchenbesuch, ein erotischer Traum, das Erwachen am Morgen im eigenen Zimmer werden zu bedeutenden Ereignissen, weil etwas Poetisches aufleuchtet. Kleine Vorkommnisse verursachen tiefe innere Resonanz. In “Elenas Tanz” liegt das Augenmerk auf kurzen, dichten, dem Tagesablauf innewohnenden, qualitativ hervorragenden Momenten: “Es konnte kein schlimmeres Versäumnis geben, als Momente wie diese achtlos untergehen zu lassen und dem Vergessen zum Fraß anheim zu geben. Man büßte das Leben ein, wenn man gleichgültig über das Manna des Augenblicks hinweg ging.” Die gesamte Erzählung taucht mehr und mehr in eine “durch nichts Äußerliches zu beeinträchtigende Liebesatmosphäre” ein, Einzelheiten werden gewürdigt, und Geduld, “auf die Worte zu warten, die ich wirklich sagen wollte”, wird allmählich zur Selbstverständlichkeit; so bleibt auch im Schlaf die seismographische Empfänglichkeit für lebendige Worte erhalten. An den im Traum vernommenen Worten: “Wie kommt es nur, dass ich so unersättlich bin” entzündet sich echte körperliche Leidenschaft.

Im Schoße von Koan oder: Durch die Worte, die ich fand, wurde mir die heilende Kraft meines Denkens bewusst

- weißt du, manchmal vergisst du vor lauter Bewunderung, was du bewunderst. Es reicht dir, dass du bewundern kannst - (Jannis Ritsos)

Das Phänomen des Zusammenwirkens von natürlichem Erleben (Realität) und bewunderndem Bewusstsein steht zur Debatte: “Ich wusste, dass Koans Scheide ohne die Aura des Poetischen nur naturhaft wäre, nicht umhüllt von jenem kunstvollen Zauber, den mein bewunderndes Bewusstsein gerade jetzt um sie wob. Durch meine erfinderischen Worte befand sich Koans Scheide in einem Traumzustand.” Entscheidend ist, dass sich hier nicht die Verklärung weiblicher Schönheit, sondern die Heilkraft der Worte als eigentliches Ziel erweist. “Durch die Worte, die ich in meinem Tagebuch fand, wurde mir die heilende Kraft meines eigenen Denkens bewusst.” Gleichermaßen geht es darum, jener Gewohnheit den Kampf anzusagen, die fieberhaft Berührungen sammeln will, auf wirkliche Erfahrungen aber verzichtet.. “Ich verfügte über keinen Begriff, der das Niemandsland ihrer Brüste hätte authentisch benennen können. Ein ausgebrannter Kopf, eine gedankenlose Wüste befand sich hinter meinen Augen. Das Bild, mit dem ich rang wie mit einem Engel, ließ mir keine Ruhe, ich ergriff es, ließ es wieder los - und fand Worte.” Im Abwarten und Freibleiben von beliebigen Etiketten treten Worte auf, die der geheimen Kehrseite des Erlebens angehören und die sich erst einstellen, wenn “die Bühne frei ist” für ihren erlösenden Auftritt.

Alices Gedicht oder: Wir lernten vom Augenblick, nahmen uns beim Wort und achteten auf verborgene Zeichen.

Einerseits wird dem Schreibenden die Unbeständigkeit des Textes bewusst: “Ich erlebte, wie diese Worte zu einem Buchstabenbild gerannen und ihren Sinn verloren.” Andererseits erlebt er, wie Alice ihm seine eigenen Texte vorliest und diese zu neuem Leben erweckt: “Die Worte waren wie Rosen im Munde von Alice. Die Erotik und Zärtlichkeit ihres Wesens ergoss sich über meine Sätze, die, wenn ich sie selber las, trockener, angestrengter wirkten, mit Ballast beladen. Alice respektierte den Text so wie er war. In ihrem Mund führten die Sätze ein freies, unbekümmertes Leben, sie mussten sich nicht beweisen, waren nicht von jener ewigen Unzufriedenheit besudelt, die von mir als Autor ausging.” Alice fragt nicht nach stilistischen Raffinessen, prüft nicht den sprachlichen Gehalt, doch sie zieht aus der Lektüre eine unerwartete, existenzielle Schlussfolgerung: “ >Du weißt, wer du bist!< Diese fünf Worte sagte sie mit Begeisterung, mit triumphierendem Blick, so dass jeder Widerspruch ausgeschlossen war.” Die Expedition zum Wort erreicht in diesem Text ein neues Etappenziel: Der Dichter lebt in einer fruchtbaren Beziehung, deren Wachstumsgrundlage drei Merkmale besitzt: “Wir lernten vom Augenblick, nahmen uns beim Worte und achteten auf verborgene Zeichen.” Im Gespräch des Paares werden Sätze geboren, die sowohl für das gemeinsame Leben, als auch für Einzelentwicklung unvorhersehbare innere Impulse zu kontinuierlicher Erneuerung vermitteln.

John Borsdorfs Tagebuch oder: Alles gleicht einer Traumsprache

Borsdorf notiert nach einer Sitzung mit Emmanuelle: “Ich versuche, die Sprache des spitzen Ellenbogens, die breite, flüsternde Heimat ihrer fülligen Brüste wahrzunehmen wie eine Erzählung aus Tausendundein Nächten. Alles gleicht einer Traumsprache.” Doch nicht nur die Körpersprache berührt den Schriftsteller. Auch die Art, wie Emmanuelle zu ihm spricht, inspiriert ihn. “Sie sagte mit zärtlicher Stimme: >Merci!< und es schien, als läge ihre Seele in diesem Wort. Ihre Finger ließ sie über meinen Unterarm gleiten, als wolle sie innere Harfensaiten zum Erklingen bringen.” Wenn sich einzig das blutleere, unproduktive Wort in seiner Reichweite befindet, schweigt Borsdorf. Eine Rückkehr zur Floskel steht nicht zur Debatte: “Da für dieses Neuland keine unberührten Worte vorhanden waren, sondern nur die alten, schon oft verwendeten, musste ich mein Denken einstellen. Ich war zu verbalem Verzicht gezwungen.” Borsdorfs Sprache sucht einen neuen Nährboden. Welcher Nährboden könnte es sein? Die Künstlerin schenkt ihm ein Buch und er schreibt: “Seit ich >Cuba libre< in Händen halte, befasse ich mich mit der weiblichen Schönheit auf eine andere Art und Weise. Dieses Buch der Bilder ist mehr als nur ein materieller Gegenstand. Nacktaufnahmen von Emmanuelle in praller Poesie und schimmernder Schönheit laden ein - aber wozu laden sie ein? “Es ist ein Buch zum Träumen!” hatte Emmanuelle mit fester Stimme hinzugefügt, als sie mir das Werk überreichte.” Die Traumsprache wird ihn auf dem Weg in die neue Dimension begleiten!

Emmanuelle spricht oder: Du siehst kein Wort, du siehst nur nackte Haut

In den “Emmanuelle spricht”-Gedichten verschärft sich nicht nur der Wille zur klaren Aussage, sondern auch das Verantwortungsgefühl für die zwischenmenschliche Beziehung. “Du bleibst in deiner Welt und lässt mich stehen. Genügt dir dieses impotente Sehen?” Bei aller Großzügigkeit und Hingabebereitschaft ist Emmanuelle zugleich gerechterweise anspruchsvoll. Sie gönnt Borsdorf den Anblick ihres nackten Körper, fragt zugleich aber selbstbewusst: “Willst du mein schönes Bild wie Fleisch verzehren? Ist geistlos Glühen schon dein Hauptgenuss? Mein Leib und meine Seele sind ein Kuss, der dir die Augen öffnet für mein Wesen! Du sollst mit deinem Herzen in mir lesen.” Emmanuelle fragt, was denn Schönheit sei und erwartet von John, dass er ihr nicht leere Lobeshymnen widmet, sondern ihren Körper durch ein auf sie abgestimmtes Kunstwerk adelt. Sie wird im sechsten Gedicht dieses Zyklus deutlich, als sie sagt: “Du siehst mich nackt! Ich fordre den Beweis, dass du es wert bist, mich zu sehen.” Nun gibt es kein Zurück für John. Er hat den schönen Anblick eingeheimst und genossen. Jetzt muss er Farbe bekennen. “Schau hundert- oder tausendfach auf meinen Leib. Wenn’s Herz dann wach, befriedigt, stolz, gesättigt ist, dann zeig mir wer du wirklich bist! Dann lass mich nicht im Stummen stehn, bezeichne ganz mein Wesen.” Die poetische Antwort von John bleibt nicht aus: “Frau, du bist begnadet, so zart, verschwommen, wie in Milch gebadet!” Die Gedichte enden mit dem großen Wort Emmanuelles: Die Liebe lebt!

Hüllenlose Begegnung oder: Jetzt ist sie über und über mit Samen bedeckt.

“Immer wieder führe ich mir diesen Moment vor Augen: Alice entblößt sich. Ich bin auf diesen Moment fixiert, als bilde er den ersten Augenblick einer neuen Zeitrechnung.” Nicht der Anblick einer nackten Frau als solcher, sondern die anschließende Wortfindung, die Geburt einer neuen Sprache steht nun im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Bilder von Nacktheit und Wärme resümieren: “Ich habe einen Originalmoment erlebt, etwas noch nie Dagewesenes, doch in meinem Kopf versammeln sich unbeholfene Worte, landläufige Gedanken, die mit dem einmaligen Erleben nicht zusammen passen, ihm sogar abträglich sind.” Staunendes Verstummen ist die nächste Etappe. “Die schnöden Alltagsfinger der Worte zogen sich zurück. Sätze zu bilden war nicht möglich. Was hätten Worte auch hier zu suchen in diesem wunschlosen Moment?” Dann aber beginnt die Zeit der neuen Sprache, in der “die Welt des Dualismus zu wanken beginnt und der Duft von Rosen jeden Augenblick durchtränkt.” Die Zeit, in der Angst, Gier, Scham und Verklemmung die Atmosphäre verdarben, wird abgelöst von einer aus Liebe und Wahrhaftigkeit geborenen Entdecker-Sprache. “Ich war sehend geworden für Alices Schönheit: Die Knie und die Knöchel, die Schultern und die Schenkel, die Hände und die Hüften - ich war fühlend geworden für ihren inneren Reiz. Im Traum der folgenden Nacht hatte ich den Gedanken: Jetzt ist es doch zum Höhepunkt gekommen. Wir haben uns nackt am ganzen Körper berührt. Jetzt ist sie über und über mit Samen bedeckt.”

Pierre Biarritz erfährt es an sich selbst: außergewöhnliche Momente im Erleben produzieren nicht automatisch auch die demgemäß außergewöhnliche Ausdrucksweise. Daher ersehnt der Protagonist das Erwachen der Sprache, “damit ein klares Licht fiele auf die Geschehnisse, die im Koan dieses Augenblicks enthalten waren.”  Er begreift, “dass unser menschliches Leben dunkel und leer wird, wenn wir uns wertvolle Momente nicht sprachlich aneignen, sondern sie verfallen lassen, fortspülen lassen von den Eindrücken der ins Allgemeine, ins Anonyme zurück sinkenden Gegenwart.” Seine Sehnsucht richtet sich darauf, all die Worte, die nur Vokabeln sind, zu verlernen und eine sinnliche Sprache hervorzubringen.

Der Text “Die verbotene Stunde” variiert dieses Thema. In einem Gedicht, das Biarritz eigenmächtig liest -es steht im Seelenbuch seiner Freundin Engele- heißt es: “Greife nicht auf alte Namen, auf verbrauchtes Wort zurück. Fühl den unsichtbaren Samen, finde unberührtes Glück. Sei dir selber tief verbunden ...” Und als Engele ihn liebkost und ihm ungezwungene Küsse auf dafür prädestinierte Stellen seines Körpers setzt, ruft er aus: “Du stehst in keinem Wörterbuch!” In der Episode mit der Orangenzählerin, stehen Biarritz die “Wasser der Sprachlosigkeit bis zum Halse”, doch am Ende findet er einen Weg, die Worte “aus dem Gefängnis ihrer lexikalischen Definierbarkeit ins Freie, ins Warme, ins Persönliche” zu rufen. Das Vermeiden oberflächlicher Betrachtungsweisen und innere Achtsamkeit fördern den Prozess seiner Reifung.

Vorgeschichte

Motive tauchen unwillkürlich auf

Meine Art des Schreibens gleicht der Art, wie Träume entstehen. Das Unberechenbare steht an erster Stelle. Hat sich ein Motiv deutlich gezeigt, bin darauf bedacht, es am Leben zu erhalten, zugleich aber die Überstrapazierung durch willkürliche Anwendung in Grenzen zu halten. Aus dem Wechselspiel zwischen ungezwungener Tätigkeit und hartnäckiger Disziplin lasse ich eine Kontinuität entstehen. Da ich nicht nur “bleibende Sätze” und glänzende Einfälle produzieren kann, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Mit der Zeit wird das Arbeiten konzentrierter, es kommen weniger Abschweifungen vor. Störungen von außen lasse ich zu, ohne mein Thema aus dem Auge zu verlieren.

Zum Thema Sinnlichkeit und Spiritualität fühle ich mich hingezogen, weil die Eindrücke von gescheiterten Ehen, verwahrlosten Beziehungen, niveaulosen Freundschaften und unverbindlichen Benutzerkontakten im Überangebot vorhanden sind. Die Überzeugung, jeder Einzelne müsse für sich eine eigene Liebes-Ethik schaffen, diese prüfen und verantworten, um unbeeinflusst von moralischen Vorgaben, stereotypen Verhaltensformen und irrelevanten Meinungen der ihn tangierenden oberflächlichen Umwelt eine sinnvolle, respektvolle, warmherzige Form des zwischenmenschlichen Umgangs ausbilden zu können, ist der Beweggrund für mein Schreiben in den letzten Jahren.
Die verbotene Stunde oder: Ich will nichts Falsches sagen.
Eine Stunde vor Mitternacht beginnt für Pierre Biarritz im Dorfgasthof Bärenbrunn eine Zeit der Versuchungen. Parallel zur sinnlichen Verlockung durch eine schöne Frau stellt sich sprachliches Verantwortungsgefühl ein: “Eine ungewohnte Furcht beschlich mein Denken. Ich wollte nichts Falsches sagen.”

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